März - April 2014

Reisebericht: Welch ein Erlebnis! Regenwald & Vulkane in Mittelamerika

5 faszinierende Länder, die eins verbindet – unglaublich beeindruckende Regenwälder mit gigantischen Vulkanen! Wandeln Sie auf den Spuren der Maya- Welt und tauchen Sie aus verschiedenen Perspektiven ein in die außergewöhnlich schöne Flora & Fauna.

Chronist Steffen in Mittelamerika
Mein Tipp

Beeindruckende Regenwälder in Mittelamerika

Steffen Klameth, Berge & Meer Chronist

Fünf Länder in drei Wochen - das klingt erst mal nicht nach Urlaub, sondern Stress. Aber wer wie ich gern reist und immer neue Länder dieser Welt kennen lernen möchte, für den ist diese Kombination optimal. Und die Erfahrung hat uns gelehrt, dass es auf geführten Rundreisen immer auch Momente zum Abschalten und Ausruhen gibt.

Okay: Für die täglichen Berichte nach Deutschland geht nun auch noch etwas mehr von der knappen Freizeit drauf. Aber das ist selbstgewähltes Leid. Und vielleicht springt ja am Ende noch ein Bericht für die Sächsische Zeitung raus. Dort bin ich nämlich, wenn ich nicht gerade reise, als Redakteur beschäftigt.

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Steffen Klameth

1. Tag

Anreise

Nach zehneinhalb Stunden Flug von Frankfurt Zwischenlandung in Dallas, USA. Jeder Passagier muss das komplette Einreiseprogramm absolvieren.

Beamter: Wohin wollen Sie reisen?

Ich: Nach Guatemala?

Beamter: Nur nach Guatemala?

Ich: Nein, danach noch weiter nach Honduras, El Salvador, Nikaragua, Costa Rica. Und dann wieder nach Dallas. Waren Sie denn schon mal in Guatemala?

Beamter: Oh, nein. Sie müssen mir davon erzählen, wenn Sie wieder herkommen.

Die amerikaniscchen Grenzbeamten haben also doch so etwas wie Humor. Damit ich bis zur nächsten Einreise nicht alles vergesse, trifft es sich ganz gut, dass ich jeden Tag ein paar Notizen machen soll.

Und so ging es weiter: Man hat uns wieder ausreisen lassen, und als das Flugzeug nach drei Stunden in Guatemala-Stadt landet, ist es bereits dunkel. Ein endloses Lichtermeer breitet sich unter uns aus. 3,5 Millionen Einwohner leben in der Hauptstadt, wird uns Reiseleiter Peter später erzählen. Zunächst ist von einem Reiseleiter aber weit und breit nichts zu sehen, während sich die Gruppe auf diese Weise schnell findet - so viele Deutsche landen nun auch nicht jeden Tag hier.

Nach einer Viertelstunde Warten taucht dann doch ein älterer, braungebrannter Herr mit Berge-und-Meer-Schild auf - Peter, ein Berliner, der bereits seit 1970 in Guatemala lebt. Er habe im Stau gestanden, erzählt er. Und auch wir bewegen uns schon bald nur noch im Schritttempo in Richtung Antigua. Es ist Freitag, und die halbe Hauptstadt scheint wie wir das Wochenende in der 40 Kilometer entfernten Ex-Hauptstadt verbringen zu wollen.

Zwei Stunden später, es ist inzwischen 22 Uhr (und zu Hause 5 Uhr), erreichen wir schließlich das Hotel. Von außen unscheinbar, drinnen jedoch umwerfend. Ein großer Hof mit üppigem Grün und Springbrunnen. Aber ehrlich gesagt: Jetzt wollen alle nur noch ins Bett.

2. Tag

Guatemala

Der grüne Innenhof des Hotels wirkt im Schein der ersten Sonnenstrahlen noch grüner. Und über dem Dach erhebt sich der Volcan Agua, einer von drei Vulkanen, die sich rund um Antigua aufreihen.

Die Natur ist nicht nur Segen für die Stadt. Mehrmals wurde sie von Erdbeben zerstört, was letztlich auch dazu führte, dass der Regierungssitz 1776 nach Guatemala-Stadt verlegt wurde. Zwar wurde Antigua immer wieder aufgebaut, zum Schluss aber eher pragmatisch. Von der Kathedrale steht nur noch die Vorderfassade und ein kleines Kirchenschiff, wie wir bei einem Rundgang am Vormittag erfahren.

Eindrucksvoll von außen, aber ziemlich nüchtern von innen ist auch auch die Klosterkirche La Merced. Früher, erzählt Reiseleiter Peter, glänzten alle der über 30 Kirchen in barocker Pracht. Was nichts an dem Umstand ändert, dass Antigua als eine der schönsten - wenn nicht gar als schönste - ehemalige Kolonialstadt in Zentralamerika gilt. Die Gassen haben Charme, und hinter vielen Toren verbergen sich - wie in unserem Hotel - wunderschöne Innenhöfe, häufig mit Restaurants. Seit 1979 zählt die Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe.

Wo sich Touristen bewegen, sind auch Händler nicht weit. Tücher und Ketten, Flöten und Masken. Und alles erschwinglich, solange man die Augen offenhält. Eben sei er übers Ohr gehauen worden, berichtet ein Mitglied der Reisegruppe. Statt 70 Quetzales (knapp 7 Euro) habe man ihm nur 30 rausgegeben. Als er es bemerkte, war es schon zu spät.

Nach dem Mittag steht noch eine kleine Bustour auf dem Programm. Zunächst machen wir Stopp in La Ciudad Vieja, der alten Stadt. Ein ganz besonderer Ort, sagt Peter: Hier wurde die erste Kathedrale auf amerikanischem Boden errichtet. Sie steht noch heute, in die Frontseite ist die Jahreszahl 1534 eingemeißelt. Von hier aus begannen die Spanier also ihre religiöse Eroberung der Neuen Welt. Irgendwann brachten sie auch den Kaffee - heute gehört der zu den Exportschlagern Guatemalas.

Peter will uns zu einer Plantage führen, doch die ist verschlossen - wahrscheinlich, weil Sonnabend ist. Seltsam, schließlich steht unser Programm schon seit Monaten fest. Peter verspricht uns, dass wir das Thema Kaffee nachholen werden, und bringt uns noch zu einer Jadeschleiferei. Jade gibt es in vielen Ländern der Welt, aber die richtig harte "Jadite" finde man nur in Burma, Russland und - Guatemala. Wir werden durch die Werkstätten geführt, es gibt ein Tässchen Kaffee (!), und dann darf noch gekauft werden.

Anschließend bummeln wir noch ein bisschen durch die Gassen. Im Zentralpark, dem Mittelpunkt der Stadt, inszenieren Fotografen gerade eine Hochzeitsbilderserie. Als es dunkel wird, postieren sich Musiker vorm Rathaus. Ein älteres Paar tanzt. Die Fassade der Kathedrale leuchtet im Licht der Scheinwerfer.

3. Tag

Guatemala

Kiefernwälder, Apfel- und Pflaumenbäume, Erdbeeren und Brombeeren. Und die Bezirke heißen auch noch Canton - man könnte meinen, man sei irgendwo in Mitteleuropa. Doch weit gefehlt: Wir touren immer noch durch Guatemala.

Das Hochland bietet beste klimatische Bedingungen für reiche Ernten, nur an Regen mangelt es zwischen Oktober und Mai. Beregnungsanlagen machen den Nachteil wett. Auf kurvenreichen Straßen erreichen wir am späten Vormittag die Kleinstadt Chichicastenango - genannt Chichi.

Jeden Donnerstag und Sonntag verwandelt sich das Zentrum in einen riesengroßen Markt. Die Gassen sind vollgestopft mit Verkaufsständen und Menschen, es herrscht ein Geschiebe und Gedränge, und es dauert nicht lange, bis jemand aus der Gruppe den Verlust von 300 Quetzales (knapp 30 Euro) bemerkt. Ja, auch die Taschendiebe von Chichi haben längst einen gewissen Ruhm erlangt.

Mittelpunkt des Treibens ist die Kirche Santo Tomas. Eigentlich ein katholisches Gotteshaus, tatsächlich aber eher eine Stätte, wo die Mayas ihre ganz eigenen Riten zelebrieren. Ein sogenannter Männerrat - der Reiseführer nennt sie Mutter-Väter - hat hier das Sagen.

Eine halbe Stunde Fußweg entfernt, auf dem Hügel La Democracia, stehen wir dann vor einer uralten Opferstätte, dem Pascual Abaj. Bis heute ziehen die Mayas hierher, um Dank und Bitten loszuwerden - verbunden mit Opfergaben wie Blumen, Essen und Schnaps. Am frühen Nachmittag heißt es dann laut Programm: Mittagessen bei einer lokalen Familie. Was ziemlich authentisch klingt, entpuppt sich indes als typisches guatemaltekisches Menü in einem typischen guatemaltekischen Restaurant. Es gibt Kucha (Maisschnaps), Gemüsesuppe und Avocado, Pepian-Hühnchen (mit spezieller Soße) und ein Stück Banane, das mit schwarzen Bohnen gefüllt ist. Alles durchaus schmackhaft, nur hätte es mit Familienkontakt sicher noch besser gemundet.

Je mehr wir uns dem Tagesziel nähern, desto mehr Wolken ziehen herauf. Es dämmert schon, als wir den Atitlan-See erblicken. Er soll der schönste See in ganz Zentralamerika sein. Ob das stimmt, werden wir morgen auf einer Bootsfahrt erkunden.

4. Tag

Santiago Atitlán

Er qualmt ununterbrochen, er schluckt einen Schnaps nach dem anderen, und er sitzt den lieben langen Tag in seinem Schaukelstuhl: Als Vorbild taugt Maximon nun wahrlich nicht. Und trotzdem zahlen die Leute - und also auch wir - Geld dafür, um ihm einen Besuch abstatten zu dürfen. Denn Maximon - oder San Simon, wie ihn die Spanier nannten - ist ein Gott. Die hölzerne Puppe, die mit bunten Schals und einer blauen Krawatte geschmückt ist, sitzt in einem dunklen Raum; neben ihr ein Helfer, der bereitwillig die Zigaretten anzündet und Schnaps einflößt; dahinter weitere Männer, ganz offensichtlich nicht mehr ganz nüchtern - die Bruderschaft von Maximon. Was für uns Europäer wie ein skuriler Schabernack aussieht, ist für die Guatemalteken ein heiliges Ritual - und letztlich wohl auch eine geniale Geschäftsidee. Jedes Jahr zieht Maximon in ein anderes Haus, sodass jede Familie mal von dem Brauch profitiert.

Begonnen hatte unser Tag mit einer Bootsfahrt von Panajachel nach Santa Cruz. Von dort startete eine kleine Wanderung oberhalb des Sees nach Santa Cruz – immer in Angesicht dreier Vulkane. Na gut, richtig zu sehen waren nur die Vulkane Pedro und Toliman; der höchste, der Vulkan Atitlan, versteckte sich wie meist in den Wolken. Anschließend stiegen wir wieder ins Boot und gelangten so nach Santiago Atitlán. Dort stiegen wir in Tuk-Tuks, dreirädrige, überdachte Motorräder, und wurden zum Friedenspark gefahren. Er erinnert an ein Massaker, dass sich während des Bürgerkriegs ereignete. An diesem Ort soll demnächst eine Schule entstehen - anstelle jener, die im Oktober 2005 bei einem Erdrutsch verschüttet wurde. Juan Ramirez stellte uns die Pläne vor; Reiseleiter Peter übergab im Namen der Gruppe eine Geldspende.

Santiago ist Heimat der Tzutujil-Mayas; man erkennt sie an farbigen, bestickten Kleidern und Hosen. Und immer tragen sie einen Schal über der Schulter - wie Maximon.

5. Tag

Auf in den Norden Guatemalas

"Vulkan Pacaya ausgebrochen - Flughafen von Guatemala-Stadt gesperrt." Gerade mal zwei Wochen ist es her, dass es diese Meldung bis in die deutschen Nachrichten schaffte.

Vulkane gibt es in Guatemala zur Genüge, doch nur drei sind noch aktiv: Der Fuego, der Acatenango und eben der Pacaya. Der letzte große Ausbruch ereignete sich hier im Jahr 2010. Nun stehen wir zu Füßen des Gipfels, aber von Panik keine Spur. Allenfalls geschäftige Hektik: Männer mit Pferden und Kinder mit Wanderstöcken bedrängen uns in der Hoffnung auf das große Geschäft. Und sie folgen uns auf dem steilen Weg, rufen immer wieder „Taxi, Taxi!“ Dietmar, mit 77 der Senior unserer Gruppe, nimmt das Hilfsangebot schließlich dankbar an.

Die Fußgänger kommen schnell ins Schwitzen, obwohl sich die Sonne nur kurz zeigt. Nach einer Stunde lichtet sich der Wald, und ein großes Lavafeld tut sich vor uns auf. Dahinter eine steile Wand - der Vulkankegel. Hier und da entdecken wir Rauchfahnen, die Spitze steckt in den Wolken. Dann zieht plötzlich eine Nebelwand heran, und es dauert keine zwei Minuten, und der komplette Vulkan ist wie vom Erdboden verschluckt. Weiter geht es aus Sicherheitsgründen nicht, es würde ohnehin keinen Sinn machen. Und die Zeit fehlt obendrein. Denn am frühen Nachmittag müssen wir in Guatemala-Stadt sein.

Noch ein kurzer Abstecher zur Berlin-Plaza, wo ein Relief und drei originale Mauerteile an die Teilung Deutschlands erinnern. Und dann ab zum Flughafen. Die kleine Propellermaschine startet mit Verspätung, eine knappe Stunde später landen wir in Santa Elena-Flores. Trotz der späten Stunde ist es hier oben im Norden von Guatemala noch sehr warm – und feucht. Willkommen im tropischen Regenwald.

6. Tag

Tikal

Ausschlafen in Tikal? Keine Chance. Schuld sind die Brüllaffen, die bereits mitten in der Nacht beginnen, lautstark ihr Revier abzustecken. Kaum sind sie damit fertig, klopft der Weckdienst an die Tür unseres Bungalows: 4.30 Uhr, raus aus dem Bett. Eine halbe Stunde später haben alle ihr abgepacktes Frühstück in der Hand - Aufbruch zu den Tempeln von Tikal.

Genau genommen war es eine riesige Stadt, deren Ausmaße bis heute nicht klar sind. Mehr als eintausend Jahre bauten die Mayas aus Kalkstein Podeste, Hallen und pyramidenförmige Tempel - nebeneinander und übereinander. Und mitten im Dschungel. Von alledem bekommen wir aber zunächst nicht viel mit; der Mond scheint immerhin so hell, dass wir den Weg nicht verfehlen.

Kurz vor sechs erreichen wir schließlich Tempel IV. Auf Holztreppen geht es hoch und höher, über die Baumwipfel hinweg und bis zu einer breiten Plattform. Überraschung: Wir sind nicht die ersten. Ein paar Dutzend anderer Touristen hatte die gleiche Idee und wartet nun gemeinsam mit uns auf die ersten Sonnenstrahlen. Niemand spricht ein Wort, alle sind gebannt von diesem Anblick: Regenwald, so weit das Auge reicht, Nebelschwaden am Horizont - und hier und da die Spitzen von Tempeln, die aus dem grünen Blätterdach hervorlugen. Später schauen wir uns einige von ihnen aus der Nähe an; manche darf man besteigen, andere sind aus Sicherheitsgründen gesperrt.

Wir sehen vorbildlich restaurierte Bauwerke und bewachsene Hügel, unter denen sich noch mehr Bauwerke befinden. Ab dem 9. Jahrhundert, so erzählt uns Reiseleiter Peter, begann die Stadt zu verfallen. Der Urwald nahm wieder Besitz von ihr. Erst im 19. Jahrhundert begannen die Ausgrabungen, die mittlerweile eingestellt wurden - es lohnt sich schlichtweg nicht. Zwar gehört Tikal zum Weltkulturerbe, aber es ist so abgelegen, dass jährlich nur rund 250.000 Besucher hierher finden. Schade, denn der Nationalpark hat noch mehr zu bieten als alte Steine. Peter zeigt uns Pflanzen, von denen wir bisher nie etwas gehört hatten - den Baum, aus dessen Harz Kaugummi hergestellt wird, und den "Baum, der spricht".

Er hilft uns, den Ruf des Regenbogentukans zu erkennen, und er führt uns zu einem Termitenbau, der an einem Baumstamm klebt. Doch als sich plötzlich zwei Klammeraffen von Baum zu Baum schwingen, hat Peter keine Chance: So ein Affentheater wollen alle mit der Kamera festhalten.

7. Tag

Rio Dulce - der süße Fluss

Rio Dulce - der süße Fluss. Einen kurzen Moment überlege ich, ob ich den Wahrheitsgehalt dieses Namens überprüfen sollte. Doch dann vertraue ich doch lieber der Logik: Der Fluss verbindet Guatemalas größten See, den Lago de Isabal, mit dem Karibischen Meer - was eher für eine Mischung von Süß- und Salzwasser spricht. Er ist auch die einzige Verbindung vom Landesinneren in das kleine Dorf Livingston an der Küste - unser erstes Ziel an diesem Tag.

Mit dem Motorboot geht es gen Osten - mal mit Tempo, wenn sich der Fluss zu einem kleinen See weitet, dann wieder gemächlich, wenn wir in Seitenarme einschwenken. Mangroven und Wasserkastanien säumen das Ufer, im Wasser spiegeln sich Seerosen. In den Bäumen sitzen Seidenreiher, Pelikane und eine Ralle (noch nie gehört). Mitten in dieser Wildnis tauchen immer wieder Hütten und Menschen auf - wie die zwei Mädchen, die uns Muschelketten und Seesterne verkaufen wollen.

Nach einer schluchtartigen Enge weitet sich der Fluss; hier, an der Mündung ins Meer, liegt Livingston. Man fühlt sich wie auf einer karibischen Insel - die Mehrheit der Einwohner ist dunkelhäutig, manche tragen auch Rastalocken. Es sind die Garifundas, Nachkommen afrikanischer Sklaven. Nach einem kurzen Rundgang steigen wir wieder ins Boot und kehren zurück. Noch ein kurzer Besuch der kleinen Festung San Felipe - Mitte des 17. Jahrhunderts von den Spaniern als Schutz vor Piraten errichtet und 300 Jahre später mustergültig rekonstruiert -, und weiter geht es mit dem Bus ins Landesinnere.

Nächster Stopp ist in Quirigua, bekannt für seine riesigen Bananenplantagen und archäologischen Funde: Auf einer Wiese stehen mehrere, bis zu zehn Meter hohe Stelen sowie ein halbes Dutzend Zoomorphen. Alle stammen aus dem 8. Jahrhundert. Peter gibt sich alle Mühe, uns die Bedeutung der Hieroglyphen zu erklären; er weist auf Köpfe und Hände, Aras und Affen, und errechnet daraus - dem Maya-Kalender sei Dank - das Entstehungsjahr. Fügt aber gleich hinzu, dass das nur eine von vielen Deutungen sei. Vielleicht erzählen uns die in Sandstein gehauenen Bilder auch Geschichte oder Geschichten - niemand kann es mit Gewissheit sagen.

Es ist schon Nachmittag. als wir das Valle Dorado, das Tal des Goldes (hier wurde früher wirklich Gold geschürft) erreichen und dann hinauf zur Grenze nach Honduras abbiegen - bis wir in einen scheinbar endlosen Stau geraten. Ein Lkw-Unfall in den Bergen sorgt für ein Verkehrschaos - und dafür. dass wir erst 22.45 Uhr im Hotel ankommen. Wobei - ein bisschen früher hätte es wohl sein können. Aber das ist eine andere Geschichte.

Fortsetzung folgt.

7. Tag

Nachtrag zum Grenzübertritt

Der Grenzübertritt von Guatemala nach Honduras in El Florito ist ziemlich einfach - sofern man vor 20 Uhr dort ist. Wer wie wir später kommt, muss entweder Ausländer sein oder den honduranischen Grenzkommandanten persönlich kennen - oder, noch besser, beides.

Reiseleiter Peter hat per Telefon bereits alles klargemacht, 40 Quetzales (knapp vier Euro) pro Nase sowie die Pässe eingesammelt. Schon geht die Schranke auf guatemaltekischer Seite hoch - doch nicht hoch genug. Die Koffer auf dem Dach würden die Durchfahrt nicht schadlos überstehen, so viel steht fest. Sofort hagelt es kluge Ratschläge. Die einen schlagen vor, etwas Luft abzulassen; die anderen meinen, man solle die Schranke einfach ein Stück weiter öffnen. Der erste Gedanke wird sogleich wieder verworfen, weil es mit großer Wahrscheinlichkeit nichts genutzt hätte; die zweite Idee scheitert daran, dass der Seilzug mit einem Schloss gesichert ist - und der Schlüssel zum Schloss auf unergründliche Weise unauffindbar.

Zum Glück ist uns ein leerer Bus gefolgt, der Gäste aus Honduras abholen will. Flugs wird unser Gepäck ab - und in den anderen Bus umgeladen. Wir passieren die Schranke und warten auf den zweiten Bus. Doch der passt nicht durch - die Dachleiter erweist sich als zu hoch. Kein Problem, fährt der Bus eben rückwärts rüber, mit der Leiter auf der anderen Seite. Dumm nur, dass immer noch eine Handbreit fehlt. Was tun?

Kurzentschlossen schnappen wir unsere Koffer und laden sie wieder in unseren Bus. Abfahrt - bis zur nächsten Schranke. In weiser Voraussicht hatte sich Peter dank seiner guten Beziehungen zum Comandante schon den Schlüssel gesichert. Bleibt ein letztes Hindernis: Ein dicker Brummi hat sich mitten auf der Fahrbahn positioniert, um am nächsten Morgen der Erste zu sein. Nun kennen wir keine Gnade. Der Fahrer wird wachgerüttelt. Kurzes Ausweichmanöver, und schon sind wir in Honduras. Eigentlich ganz einfach, so eine Grenzpassage. Hat nur etwas länger gedauert - so um die Dreiviertelstunde.

8. Tag

Guatemala & El Salvador

Das Empfangskomitee hat sich herausgeputzt: Rot, grün, blau, gelb und weiß erstrahlt das Gefieder der roten Aras. Mag sein, dass dies rein zufällig auch die Symbolfarben der Mayas sind. Kein Zufall indes ist es, dass die prachtvollen Vögel ausgerechnet am Eingang zur einstigen Maya-Siedlung Copan sitzen. Kluge Menschen servieren ihnen hier Futter und Wasser - ein solches Angebot lässt sich kein Ara entgehen.

Dem Vogel werden wir auf unserem Rundgang durch die Ruinen noch häufiger begegnen - dann allerdings in Stein gehauen. Denn der Ara galt und gilt den Mayas als heilig. Und so ist er auf vielen Mauern und Stelen abgebildet - immer über den Köpfen der Fürsten, von denen jener mit dem hübschen Namen "18 Kaninchen" wohl der berühmteste war.

Unter seiner Regentschaft erreichte die Entwicklung von Copan im 8. Jahrhundert ihren Höhepunkt; bald danach begann die Siedlung zu verfallen und veröden. Heute spaziert man vorbei an riesigen Steinhaufen und Tempeln mit breiten Treppen, blickt auf ehemalige Wohnhäuser und den sogenannten Ballspielplatz (ob hier wirklich Ball gespielt wurde, sei eine von vielen Theorien, erklärt unser Reiseleiter Peter), bewundert die Treppe der Hieroglyphen und staunt über die vielen filigranen Steinmetzarbeiten. Sie sind aus hartem Vulkangestein gehauen und deshalb bis heute so gut erhalten. Alle Bauwerke, die wir hier sehen, wurden jedoch erst ab Mitte der 1950er-Jahre (wieder-)errichtet; ob sie wirklich so aussahen, kann niemand sagen. Fest steht: Es muss eine Heidenarbeit gewesen sein.

An mehreren Stellen ließen die Archäologen die Steine so liegen, wie sie sie fanden. Noch frappierender ist der Nachbau des Rosalila-Tempels. Das Original ruht unsichtbar unter einem anderen Tempel und wurde mithilfe von Tunneln erkundet. Die Replik steht in Originalgröße und mit Originalfarben im benachbarten Museum: die Fassade in kräftigem Rosalila, die Verzierungen in rot, grün, blau, gelb und weiß - wie das Gefieder des Aras.

Nach dem Mittag geht es auf gleichem Weg zurück nach Guatemala (diesmal ohne Schranken- oder andere Probleme) und dann auf kurvigen, holprigen Straßen zur Grenze nach El Salvador. Die Formalitäten dauern keine Viertelstunde, gegen 19.20 Uhr erreichen wir unser Tagesziel: die Finca Santa Letizia. Die Luft ist wohltuend kühl – ideale Bedingungen für den Kaffeeanbau. Eine Kostprobe bekommen wir zum Frühstück am nächsten Morgen; heute ziehen wir zum Tagesausklang ein saftiges Steak vor..

9. Tag

El Salvador

Der "Lonely Planet" gilt als Bibel der Rucksacktouristen. Was dort empfohlen wird, lohnt in der Regel einen Besuch. Den kleinen Ort Juayua im Westen von El Salvador rühmt das Buch für seine Feria Gastronomica: Jedes Wochenende, so lesen wir, kommen viele Menschen aus dem ganzen Land hierher, um die Küche der Region zu kosten. Heute ist Sonnabend - nichts wie hin.

Der Reiseführer hat nicht zu viel versprochen. Auf der kleinen Plaza herrscht zur Mittagsstunde munteres Treiben. Ein Elvis-Presley-Imitator raunt ins Mikrofon, sogar die lokale Schönheitskönigin Genesis Bustillo gibt sich die Ehre. Die Menschen sitzen auf Parkbänken oder an Plastiktischen und lassen es sich sichtlich schmecken. Die Kochstände sind wie an einer Schnur aufgereiht. Es dampft und zischt, es köchelt und brutzelt. Jeder Stand bietet eine andere Spezialität.

Es gibt gefüllte Hühnerbrust, Fleischspieße mit Ananas, Ceviches und die typischen Popusas - Maisfladen, die man sch wahlweise mit Käse, Schweineschwarte oder Garnelen füllen lässt. Dazu werden verschiedenste Kartoffeln, die gekochte Blüte der Izote-Palme und Soße aus Wildkräutern gereicht - nichts teurer als sechs Dollar. Nur gegrillten Leguan und Meerschweinchen - laut "Lonely Planet" die exotischsten Angebote - können wir nirgendwo entdecken. "Das würde mich auch sehr wundern", meint unser Reiseleiter Peter. Leguane sind streng geschützt, und Meerschweinchen mögen die Leute hier einfach nicht.

Nach diesem sinnlichen Erlebnis besuchen wir noch das Dorf Joya del Ceres. 1976 stieß ein Bagger hier zufällig auf eine unterirdische Mauer - ein Sensationsfund, wie sich bald herausstellen sollte. Nach und nach gruben Archäologen eine Siedlung frei, die im 7. Jahrhundert unter Vulkanasche begraben worden war. Offenbar ging alles so langsam, dass kein Bewohner zu Schaden kam - und so schnell, dass Strukturen und Mauern sensationell gut erhalten sind.

Wir sehen ein Wohnhaus mit zwei Räumen, das Haus eines Schamanen, eine Kochstelle, eine Sauna. Maiskolben verbrannten, hinterließen aber Hohlräume. Bis heute ist wahrscheinlich nicht mal ein Zehntel der Siedlung freigelegt. Gleichwohl hat der Ort für Wissenschaftler eine besondere Bedeutung: Es ist die einzige historische Stätte, die Einblick in das bäuerliche Leben vor weit über tausend Jahren bietet. Die Unesco verlieh den Welterbestatus - in El Salvador die einzige solche Stätte.

10. Tag

Von El Salvador nach Nicaragua

Über die Straßen in Zentralamerika gäbe es eine Menge berichten. So lange man sich auf der Panamericana bewegt, kommt man in der Regel ganz gut durch. Größere Abschnitte sind sogar vierspurig; deutsches Autobahntempo ist deshalb aber noch lange nicht drin, denn meist muss die transnationale Verbindung irgendwelche Berge umkurven oder sich in endlosen Serpentinen hinauf- und wieder hinabwinden.

Wir wollen heute von El Salvador nach Nicaragua. Das könnte man gut auch auf der Panamericana erledigen, wobei man dabei noch ein Stückchen von Honduras durchqueren müsste. Unser Reiseprogramm hat aber andere Pläne: Wir sollen in der Hafenstadt La Union eine Fähre besteigen und uns damit "über den malerischen Golfo de Fonseca" nach Potesi in Nicaragua bringen lassen. Dumm nur, dass uns die Gezeiten die Zeit diktieren.

Wir erreichen gerade noch so trockenen Fußes das Boot und drehen anschließend auf dem Wasser eine Ehrenrunde, weil die Grenzbeamten nicht so schnell wie die Ebbe sind. Mit einem zweiten Boot, das unser Gepäck transportiert, kommen schließlich auch unsere Pässe - los geht's. Und zwar mit einem Affenzahn.

Das Malerische am Golf von Fonseca sind vor allem die Inseln und Inselchen - alle vulkanischen Ursprungs und sehr grün. Nur drei sind von Menschen bewohnt, die anderen von allerlei Vögeln. Vor einer dieser Inseln stoppt das Boot, wir sehen unzählige Fregattvögel bei der Siesta. Auch auf den zivilisierten Eilanden geht es, soweit wir das aus der Entfernung beurteilen können, ziemlich relaxt zu.

Nach gerade mal 90 Minuten rasanter Überfahrt erreichen wir die Küste von Nicaragua. Eine Anlegestelle gibt es nicht, jetzt werden die Füße wirklich nass. Aber niemand klagt: Der Pazifik ist warm und der schwarze Lavasand eine Wohltat. Die Sonne brennt erbarmungslos. Bloß gut, dass der neue Bus schon auf uns wartet.

Bevor wir starten können, dauert es allerdings noch einmal eine knappe Stunde. Dann sind endlich alle Pässe gestempelt und die Eintrittsgelder von zwölf Dollar pro Nase ordnungsgemäß verbucht. Auf einer unbefestigten Piste fahren wir gen Leon, der einstigen Hauptstadt des Landes. Hinter Staubwolken sehen wir weite Zuckerrohrfelder, Massen an Rindtieren und die ersten Vulkane. Wir freuen uns aufs Hotel - und die Dusche.

11. Tag

Wie Franz die "Revolutionäre" beschwichtigte.

Wenn man über Nicaragua spricht, fällt früher oder später auch das Wort Revolution. Jahrzehnte tobte im größten Land Mittelamerikas der Bürgerkrieg, Zehntausende Menschen starben. Zwar herrschen heute recht geordnete Verhältnisse, aber das Revoluzzertum scheint dem einfachen Volk ins Blut übergegangen, wie dieser Augenzeugenbericht belegen kann. Wir sind auf dem Weg von Leon in die Bergwelt des Nordens. Rund 60 Kilometer liegen noch vor uns, als wir plötzlich im Stau stecken. Schon wieder ein Unfall - na prima. Je länger wir warten, desto mehr wächst unsere Ungeduld - und Neugier. Wir steigen aus und laufen zum Beginn der Autoschlange.

Ein Unfall, so viel wird auf den ersten Blick klar, hat sich hier nicht ereignet. Eine Menschenmenge blockiert die Straße, zu ihren Füßen haben sie Steine quer über die Fahrbahn gelegt. Ein Mann schwenkt eine Fahne, ein paar Polizisten schauen interessiert zu. Die Menge protestiere gegen eine Reisfabrik, erklärt unser Reiseleiter. Bei der Verarbeitung des Getreides entstehen feine Stäube, die das nahe Dorf regelmäßig in Wolken hüllen und die Gesundheit der Einwohner gefährden sollen. Das wollen sich die Leute nicht länger gefallen lassen - und protestieren mit der Straßenblockade. Nun ist es nicht so, dass wir etwas gegen das Recht auf reine Luft für jedermann hätten. Doch es wird schon langsam dunkel, und wir haben noch mindestens eine Stunde Fahrt vor uns.

Also ergreift Franz die Initiative. Franz ist 61, Pfälzer und ein Unikum. Kontaktscheue ist ein Fremdwort für ihn; überall spricht er die Menschen an, fotografiert sie und bedankt sich im Gegenzug mit kleinen Geschenken. Warum sollte das nicht auch in dieser festgefahrenen Situation funktionieren? Radebrechend stellt er sich als Deutscher vor, der gern zügig zu seinem nächsten Ziel zu gelangen wünscht. Ob er diesem Anliegen vielleicht mit etwas Geld nachhelfen könne? Verständnislose Blicke. Da greift Franz in seine Bauchtasche und holt - wie schon so oft - bunte Bleistifte und Kugelschreiber heraus und verteilt sie an die Frauen und Kinder. Die Stimmung schlägt um, der große Deutsche wird umringt, und sogar die Polizisten zeigen eine gewisse Heiterkeit. Keine fünf Minuten später werden die Steine von der Straße geräumt, und wir können unsere Fahrt fortsetzen.

"Viva la Franz!", ruft jemand im Bus, und ein anderer fordert: "Franz for President!" Daraus wird allerdings wohl kaum etwas werden; der einstige Revolutionsführer Präsident Ortega sitzt fest im Sattel, obwohl Nicaragua nach Haiti das zweitärmste Land Lateinamerikas ist.

Was noch passierte: Am Vormittag unternahmen wir zunächst einen kleinen Stadtrundgang in Leon. In der Markthalle gab es eine Lektion in tropischem Obst und Gemüse: Maniok und Taro, Kochbananen und Ingwer, Mandarinen zum Essen und zum Pressen, riesengroße Papayas und eine neugezüchtete Art von Chili, Mispelfrüchte und, und, und. Anschließend kletterten wir aufs Dach der Kathedrale und spazierten barfuß über die weißgetünchten Kuppeln - wo ist das eigentlich sonst noch auf der Welt möglich? Die Kathedrale ist übrigens das größte Gotteshaus in Zentral- und das drittgrößte  Lateinamerikas.

Zur Mittagsstunde stiegen wir an der Pazifikküste in Motorboote. Damit ging es hinein ins Naturschutzgebiet "Isla Juan Venado" - ein riesiger Mangrovenwald mit unzähligen Arten von mehr oder weniger seltenen Vögeln. Leider hatten sich die meisten in der Mittagshitze (33 C°!) irgendwo verkrochen. Leider waren die Erklärungen der lokalen Guides nur in Englisch. Da werden wir wohl zu Hause noch mal nachlesen müssen, was ein Boat-pilled Heron, ein Black Vulture und ein Common Poroo ist.

12. Tag

Gastfreundschaft & Der Zauber der Wildnis

Wer zu Jürgen will, muss hinter Matagalpa links abbiegen, nach einigen Kilometern rechts in den Busch einschwenken und noch eine Viertelstunde auf holpriger, staubiger Piste zurücklegen. Weiter geht es nur zu Fuß. Eine kleine Brücke, ein schmaler Pfad - dann steht man urplötzlich in einem parkähnlichen Anwesen mit zweistöckigem Hauptgebäude und mehreren Bungalows. "Willkommen, ich bin der Jürgen", sagt ein Mann im tiefsten bayerisch. Jürgen Marienscheck, Anfang 40, und seine nicaraguanische Frau sind die Besitzer des Hotels "Aguas del Arenal" im bergigen Norden des Landes - unsere Herberge für eine Nacht.

Am Abend zuvor hatte uns Jürgen erzählt, wie es ihn in diese einsame Gegend verschlug. Er arbeitete zunächst als Sprachlehrer in der Hauptstadt Managua und stieß dann irgendwann auf das etwas verwilderte Anwesen. Er pflanzte Kaffee und baute nach und nach die Häuser - vieles in Eigenleistung. Fünf Zentner Kaffee erntet er inzwischen jedes Jahr, alles Bio, aber ohne Zertifikat - "viel zu teuer". Die Bohnen röstet er überm offenen Feuer. Wir können dabei zuschauen - und am nächsten Morgen zum Frühstück den frisch gebrühten Kaffee kosten. Wirklich köstlich!

Anschließend führt uns Jürgen noch über seine Finca. Das Klima auf über 1.200 Metern Höhe empfinden wir als angenehm, für den Kaffeeanbau ist es ideal. Jürgen zeigt uns das kleine Wasserkraftwerk, mit dem er seinen Strom erzeugt, und den Fluss, von dem er das Wasser ableitet. Zum Abschied gibt es noch einen Schluck Naranjilla-Saft, natürlich selbstgepresst von selbstgepflückten Früchten. Am Nachmittag erreichen wir das Naturrreservat Montibelli. Es befindet sich im tropischen Trockenwald und gilt als Eldorado für Naturliebhaber. Mit etwas Glück, so verheißt das Reiseprogramm, werden wir "mehr als 100 verschiedene Vogel- und 55 verschiedene Schmetterlingsarten beobachten".

Doch das Glück ist uns nicht hold. Nur einige Papageien und Kolibris, ein Fliegenschnepper, ein Eulenschmetterling und ein Eichhörnchen zeigen sich während unseres Spaziergangs aus gebührender Entfernung. Dafür zwitschert und trällert es die ganze Nacht hindurch, nur hin und wieder übertönt vom Fiepen der Zikaden und Röhren der Brüllaffen.

Am nächsten Morgen treten wir auf die Terrasse - und direkt vor uns präsentiert sich ein Motmot, der Nationalvogel von Nicaragua und El Salvador.

13. Tag

Zu den Isletas von Granada

Plötzlich bekommt das Boot Schlagseite. Eine deutliche Überzahl an Passagieren stürmt nach Steuerbord, während sich Reiseleiter Edwin auf der anderen Seite verzweifelt über die Reeling hängt. Mit Erfolg: Das Boot kippt nicht um, und alle bekommen ihr Foto - vom Affen, der im Baum sitzt und wohl nur darauf gewartet hat, dass endlich mal ein Boot mit Touristen umkippt. Pech für den Affen, Glück für uns.

Wir sind unterwegs auf dem Nicaragua-See, der so groß ist, dass man nur selten das andere Ufer erblickt. Dort wollen wir aber auch gar nicht hin. Unser Ziel sind die Isletas von Granada, kleine Inselchen, so viele wie das Jahr Tage hat und viele so winzig, dass gerade mal ein Haus mit Garten Platz darauf hat. Inselchen eben.

Ursprünglich waren hier vor allem Fischer zu Hause, heute ist die Gegend eine begehrte Wohngegend von Leuten, die das nötige Geld haben. Statt alter Hütten schauen prächtige Villen zwischen den Palmen hervor, statt Fischerbooten ankern Jachten an den Stegen. Neid ist an diesem Ort wirklich angebracht. Die Inselwelt vor der alten Kolonialstadt Granada ist Idylle pur. Seerosen, so weit das Auge blickt, und unzählige Vögel - ein Vielfaches von dem, was wir am Vortag im Vogelparadies Montibelli vergeblich erwartet hatten.

Königsreiher und Drei-Farben-Reiher, Tiger- und Graureiher, ein Eisvogel und ein Fischadler, dazwischen Wasserhühnchen und eine Aminga-Ente. Leise tuckert der Motor, geschickt steuert der Capitano den Kahn durch die Kanäle. Nur wenn er den Tieren zu nahe kommt, flattern sie davon und suchen sich einen neuen Ruheplatz. Und auch den Affen sind wir nach ein paar Minuten nicht mehr interessant genug. Sie strecken die Arme, hangeln sich nach oben - und verschwinden hinter dichtem Grün.

14. Tag

Vom bunten Granada zum Nebelwald am Mombacho

Granada - da fällt einem doch sofort Spanien und die Alhambra ein. Was nicht jeder weiß: Auch in Nicaragua gibt es eine Stadt gleichen Namens. 80.000 Einwohner, mehrfach zerstört und im ewigen Zwist mit Leon, sodass schon Mitte des 19. Jahrhunderts das damals eher unbedeutende Managua zur Hauptstadt erklärt wurde.

Heute ist Granada touristische Hochburg; viele Fassaden sind herausgeputzt, und in den Restaurants nimmt man lieber Dollar statt des heimischen Cordobas. Mit seiner Namenspatronin auf dem alten Kontinent hat das nicaraguanische Granada mindestens eine Sache gemeinsam: Es kann dort sehr, sehr heiß werden. Wer Abkühlung sucht, muss hier allerdings nur ein paar Kilometer raus fahren und dann in Richtung Mombacho abbiegen: Der Gipfel des Vulkans ist 1.345 Meter hoch; bis gegen Mittag steckt er regelmäßig in den Wolken. Das mag, wie gesagt, zur Erfrischung ganz dienlich sein. Wer wie wir aber vor allem der Aussicht wegen gekommen ist, hat schlichtweg Pech: Als wir nach abenteuerlicher Fahrt mit umgebauten Armee-Lkws (die werbewirksam Ökomobile genannt werden) auf 1.100 Metern ankommen, wabern uns die Nebelschwaden ums Gesicht. Der Krater zu unseren Füßen ist nur zu erahnen. Niemand versteht so recht, warum wir die Tour nicht nachmittags machen - Zeit wäre dafür gewesen. Doch weil wir schon mal hier oben sind, ziehen wir auch die geplante Wanderung durch. Die einen umrunden den Krater, die anderen laufen noch ein Stück auf dem Puma-Trail. Ein Teil der Strecke - insgesamt vier Kilometer - ist zurzeit gesperrt; die anhaltende Feuchtigkeit hat den Pfad teilweise zerstört.

Wir stiefeln über glitschige Pfade durch den Nebelwald, steigen steile Stufen hinab und wieder hinauf, stoppen mal hier und schauen mal dort. Agostino, unser Guide, zeigt uns Mimosen und eine Orchidee, die nur an einem einzigen Tag blüht. An einer Stelle steigen Schwefeldämpfe aus der Erde - warm genug, um sich die Hände zu wärmen. Die Boa Constructor, die hier oben heimisch ist, kriegen wir zwar nicht zu Gesicht, dafür macht uns Agostino auf ein Faultier aufmerksam, das seinem Namen alle Ehre macht und träge in einem Baum abhängt. So sehr wir auch an dem Baum rütteln und schütteln, um es für ein Foto ins rechte Licht zu rücken - mehr als die Schnauze bekommen wir nicht zu Gesicht.

15. Tag

Nicaragua, Costa Rica & das Faultier

Man kann an der EU viele Dinge doof finden - in einer Beziehung hat sie einen unbestrittenen Vorteil: Das Reisen von Land zu Land ist wunderbar einfach. So etwas weiß man erst richtig zu schätzen, wenn man mal die Grenze von Nicaragua nach Costa Rica überquert hat. Pässe vorzeigen, stempeln lassen - so einfach geht das hier nicht. Selbstverständlich muss auch noch ein Formular ausgefüllt werden. Und dann sind noch drei Dollar fällig - zwei für die Abfertigung, einer für die Stadt Cardenas. "Eine Spende für den Bürgermeister", scherzt Reiseleiter Edwin, als er uns die Quittung aushändigt. Was genau mit dem Geld passiert, kann niemand sagen.

Schon nach einer reichlichen halben Stunde ist alles erledigt - auf dieser Seite der Grenze. Nun bringt uns der Bus durchs Niemandsland zum anderen Grenzposten. "Bienvenido a Costa Rica", steht auf einem großen Schild: Willkommen in Costa Rica. Neues Land, neuer Bus, neuer Reiseleiter. Also Koffer ausladen, Pass vorzeigen, weitere Hundert Meter zu Fuß auf staubiger Straße und unter brütender Sonne zur nächsten Abfertigungsstation spazieren, neues Formular ausfüllen, Pass stempeln lassen, Koffer in den neuen Bus verladen. Leider ist es wieder nur ein Minibus, sodass das Gepäck auf dem Dach verstaut werden muss. So dauert das ganze Prozedere dann doch fast zwei Stunden, ehe die Reise weitergehen kann.

Was in Costa Rica sofort auffällt: Alles ist sauberer, die Grundstücke sind gepflegt, es gibt viel mehr Geschäfte. Und was wir bei der ersten Rast bemerken: Alles ist deutlich teurer als in den anderen vier Ländern, die wir bisher besucht haben. "Dreimal teurer als in Nicaragua", sagt unser neuer Reiseleiter Andy. Die Grenze zwischen beiden Ländern ist auch eine Wohlstandsgrenze. Andy ist übrigens gebürtiger Schweizer, und das passt hier ganz gut. Costa Rica nennt sich nämlich gern die Schweiz von Zentralamerika. Nicht nur wegen der Berge, sondern auch aufgrund des vergleichsweise hohen Lebensstandards.

Und seit 1948 gibt es hier auch keine Armee mehr. "Wir haben mehr Lehrer als Polizisten", fügt Andy hinzu. Nur in einem Punkt fühlen wir uns verdammt an die anderen Länder der Region erinnert: die Straßen. Alles, was nicht als Staatsstraße gilt, muss von den Besitzern finanziert werden. Und die sind offenbar genügsam. Mehr als 20 Kilometer muss sich unser Bus auf dem Weg nach Monteverde über eine kurvige Schotterpiste quälen. Die Touristen kämen ja so oder so, erklärt Andy das Prinzip. Die langsame Kurverei hat aber auch einen Vorteil: Man sieht mehr. Zum Beispiel ein Faultier, das direkt über der Straße an einem Stromkabel hängt. Wir stürzen aus dem Bus, um die Attraktion im letzten Licht des Tages aufs Foto zu bannen. Was wir nicht ahnten: Faultiere können ganz schön schnell sein. Beinahe rasant hangelt es sich auf die andere Straßenseite, fast so, als wolle es vor uns ausreißen. Später entdecken wir, dass das wunderliche Tier sogar auf einem Geldschein abgebildet ist. Das muss wohl einen tieferen Sinn haben.

16. Tag

Im Nebelwald von Monteverde

Wenn vor dem Dschungel ein Kassenhäuschen steht, steigt automatisch die Erwartungshaltung. In Costa Rica gibt es viele Dschungel - und noch mehr Kassenhäuschen.

Mehr als ein Viertel der Landesfläche - dazu zählen auch Vulkane, Mangrovensümpfe und Savannen - ist geschützt, einige Reservate sind auch in privater Hand. So wie der Nebelwald von Santa Elena. Er wurde von Schülern des Ortes gemeinsam mit Experten aus Kanada angelegt; die Einnahmen - pro Besucher 14 Dollar - sollen vor allem der hiesigen Berufshochschule zugute kommen. Als Gegenleistung können die Gäste das 765 Hektar große Gebiet auf gut ausgebauten Wegen durchstreifen. Wir begeben uns auf den 2,5 Kilometer langen Pfad "Del Bajo". Links und rechts herrscht wilde Natur. Farne, fünfmal höher als Menschen. Moosbedeckte Baumstämme. Äste voller Bromelien. Je höher man schaut, umso dichter wird das Grün: Jede Pflanze will so viel Licht erhaschen, wie es nur geht. Die Trockenzeit macht ihnen wenig aus; regelmäßig fallen feinste Tropfen hernieder und kondensieren. Die Temperaturen sind angenehm; schließlich befinden wir uns auf über 1.600 Metern Höhe.

Enttäuschend ist hingegen die Tierwelt - jedenfalls die, die wir zu Gesicht bekommen. Ein Falke, ein schwarzer Truthahn und noch zwei, drei kleine Vögel - dabei soll es allein hier mehr als 400 verschiedene Vogelarten geben, darunter den prächtigen Quetzal.

Zweiter Versuch am Nachmittag: Ganz in der Nähe, im Selvatura-Park, kann man den Vögeln praktisch auf Augenhöhe begegnen - wenn sie sich denn zeigen würden. Aber die Tour lohnt sich auch so: Von insgesamt acht Hängebrücken erleben wir den Dschungel aus einer ganz neuen Perspektive. Schwindelfrei sollte man dabei schon sein, immerhin geht es unter uns bis zu 34 Meter in die Tiefe, und mitunter geraten die Brücken ganz schön ins Schwanken. Aber das System sei absolut vertrauenswürdig, versichert Reiseleiter Andy: "Die Stahlseile kommen aus Deutschland."

Noch mehr Adrenalinrausch gefällig? Susanne will es wissen - und bucht noch eine Canopy-Tour. Dabei rauscht man, mit Gurten und Karabinern gesichert, an dicken Stahlseilen über die grünen Täler. Erfunden wurde das System von Biologen, um das Treiben in luftiger Höhe besser beobachten zu können. Später wurde daraus ein Touristenspaß - und inzwischen unzählige Male kopiert. Das Original gibt es immer noch: hier in Monteverde.

17. Tag

Kleine Schweiz - Heimat in der Ferne

Apfelschnecken, Blaubeerkäsekuchen und Brezeln: Wer "Tom's Pan" in Nuevo Arenal betritt, bekommt sofort Appetit - und Heimatgefühle. Kein Wunder: Besitzer Thomas stammt aus Deutschland und betreibt neben einem Restaurant auch eine Bäckerei. Eine von drei "German Bakerys" in ganz Costa Rica und die einzige am Arenal-See, wie uns der gebürtige Allgäuer versichert.

Seine Heimat Waltenhofen ist genau 9.571 Kilometer entfernt - so informiert zumindest ein Wegweiser, der auf der Terrasse steht. Früher lebte Thomas für die Musik. War ständig auf Achse mit Bands von den Prinzen bis zu den Stones, kutschierte die Trucks und baute Bühnen auf. Eine Stuttgarterin habe ihn schließlich vor die Wahl gestellt: Sie oder die Musik. Thomas entschied sich für die Frau ("Die ist längst Geschichte") und landete so in Costa Rica. Das war vor 18 Jahren, als es an dem Stausee noch kein einziges Restaurant gab. Der gelernte Bäcker und Konditor entdeckte die Marktlücke; heute ist sein Laden eine Institution. Touristenbusse halten aus Neugier, Einheimische kommen vor allem des Brotes wegen. Aber auch Schnitzel und Sauerbraten würden von den Ticos gern bestellt. Urlauber mit Mietwagen seien dagegen rar geworden: "Wir hatten schon bessere Zeiten."

Wer über Thomas noch staunt, fühlt sich bei Franz im falschen Film. Nur ein paar Kilometer weiter hat sich Franz Ulrich seine kleine Schweiz gebaut - mit Weide und Ställen, Gasthaus und Kapelle. Und mit einer kleinen Eisenbahn, die die Besucher durch zwei Tunnel und den Berg hinauf zu einem Dreh-Restaurant bringt. Die Talstation heißt "La pequene Helvetia", über allem weht die Schweizer Flagge. 1987 habe er das Land gekauft, erzählt uns der 73-Jährige, der aus einem Dorf bei Luzern stammt. Da lebte er bereits über 20 Jahre in dem mittelamerikanischen Land. Sein Geld verdiente er mit Kaffeeexport und "anderen Geschäften".

Auf dem 190 Hektar großen Gelände begann er, Milch zu produzieren. Weil immer mehr Leute nach einem Restaurant fragten, baute er halt eins. Und so kam eins zum anderen. "Die Einheimischen sind unsere besten Kunden, die haben so etwas noch nie gesehen." Seine Frau hat er in Costa Rica kennengelernt ("Man nimmt ja auch kein Bier mit nach München!").

Der Sohn verkauft Landmaschinen, die Tochter lebt in der Schweiz. Der rüstige Herr beschäftigt 16 Angestellte und packt selbst noch mit an. Eine Rückkehr nach Europa kann er sich nicht vorstellen: "Da passe ich nicht mehr hin." Wir müssen uns hingegen langsam mit diesem Gedanken vertraut machen. Doch ein paar Tage bleiben uns noch.

Heute schlafen wir zu Füßen des Vulkans Arenal, morgen wollen wir über die Lavafelder stapfen. Welche Energie der Berg hat, konnten wir am Nachmittag bereits beim Bad in den Paradise Hot Springs spüren - das Wasser wird allein von der Hitze des Vulkans bis auf über 40 Grad Celsius erwärmt.

18. Tag

Dschungelprüfungen & Kakaokostprobe

Wir haben dem Tod in die Augen geblickt. Es waren sehr kleine Augen, und eigentlich sahen sie gar nicht aus wie der Tod. Sie gehörten einer kleinen Schlange, die regungslos auf einem Ast verharrte. Sonnengelb, schlank und irgendwie schön.

"Eine schreckliche Schönheit", präzisiert das Tierlexikon, das unser Reiseleiter Andy immer bei sich trägt. Eine ganze Seite ist dem Tier gewidmet, das hierzulande Oropel genannt wird und von den Engländern Eyelash Palm Pitviber. Sie gehört zu den gefährlichsten Schlangen überhaupt. Mit ihrem Biss injiziert sie einen regelrechten Giftcocktail. "Danach hast du noch zwei Stunden Zeit, um ein Antiserum aufzutreiben - oder es ist vorbei."

Andy ist sichtlich erleichtert, als alle endlich wieder heil im Bus sitzen. Dabei hatte der Ausflug zum Vulkan Arenal so harmlos begonnen. Wir stapften durch ein Feld mit riesengroßem wilden Zuckerrohr, machten Bekanntschaft mit einem noch größeren Ficus und einem Ameisenbaum mit Stelzenwurzeln. Dann entdecken wir einen Weißnasencoati. Der Vierbeiner, ungefähr so groß wie ein gewöhnlicher Hund, scharrte mit seiner Schnauze im Laub - die Insekten waren für ihn weit interessanter als wir.

Schließlich führte ein schmaler Pfad raus aus dem Wald und über Lavabrocken hinauf zu einem Aussichtspunkt. Auf der einen Seite glänzte der Arenal-Stausee in der Sonne, auf der anderen erhob sich majestätisch der Vulkan. Am 29. Juli 1968, halb acht morgens, explodierte er erstmals nach mehr als 500 Jahren. Der Ausbruch kam so überraschend, dass 87 Menschen den Tod fanden. Später spuckte der Berg immer wieder Feuer, Lava und Asche. Noch bis vor zweieinhalb Jahren, erzählt Andy, konnte man nachts häufig das Glühen beobachten. Seitdem schläft der Berg; Experten sind sich jedoch sicher, dass er in den nächsten vier Jahren erneut ausbrechen wird.

Theoretisch also auch heute. Es bleibt bei der Theorie. Nun müssen wir nur noch die Dschungelprüfung überstehen, die sich Berge & Meer für uns ausgedacht hat - und zwar ganz und gar praktisch. Unser Nachtquartier ist nämlich ein kleines Zeltdorf mitten im Regenwald. Die Hacienda Pozu Azul in der Nähe des Dorfes La Virgen verspricht "ein einmaliges und intimes Erlebnis mit der Natur."

Das heißt: Schlafen in Zelten, die auf hölzernen Plattformen stehen und als einzigen Luxus ein massives Bad verfügen, das neben einer Dusche auch den Safe beherbergt. Draußen ist es stockdunkel, aber verdammt laut. Vögel und Zikaden zirpen um die Wette, auf dem Dach scharrt etwas, von dem wir jetzt gar nicht wissen wollen, was es ist, und auf dem Handtuch im Bad hat es sich ein schwarzer Käfer, so groß wie ein Zwei-Euro-Stück, bequem gemacht. Am besten, ich lösche jetzt mal das Licht. Die Geschichte über unsere Begegnung mit den Iguanas muss ich damit schuldig bleiben. Und auch den Besuch einer Kakaoplantage. Nur soviel: Es war sehr lehrreich - und lecker.

19. Tag

Forschungsstation La Selva

Die gute Nachricht vorab: Alle haben die Dschungelprüfung (siehe Tag 18) bestanden. Wenngleich hinzugefügt werden muss, dass die Herausforderungen recht unterschiedlicher Natur waren. Manche hatten mit einer wahren Ameiseninvasion zu kämpfen, andere mit Spinnen, Käfern oder winzig kleinen Fliegen. Und alle zusammen mit einem durchgängig hohen Geräuschpegel.

Das Abenteuer Regenwald ist damit aber noch nicht beendet. Die Fortsetzung folgt am Vormittag mit einem Besuch der Forschungsstation La Selva. Sie gehört der Organisation für tropische Studien, die von 64 Universitäten verschiedener Länder getragen wird. Zu Beginn müssen wir unterschreiben, dass wir das Gelände auf eigene Gefahr betreten (Warum hat uns eigentlich gestern Abend im Dschungelcamp niemand danach gefragt?).

Dann dürfen wir Bekanntschaft mit Lenin schließen. Er sei kein kommunistischer Führer, betont der junge Mann in gutem Englisch, sondern ein Naturführer. Er führt uns zu einem hohlen Baumstamm, aus dem ein kleiner Specht herauslugt. Nicht weit davon sitzen drei Tukane in den Bäumen; zumindest mit dem Fernglas sind ihre gewaltigen gelben Schnäbel gut zu erkennen. In einem anderen Baum kriecht ein ausgewachsener Ameisenbär herum. Dieses Tier zu Gesicht zu bekommen, sei wie ein Sechser im Lotto, meint Reiseleiter Andy. Und es kommt noch besser. Ein Stück weiter entdecken wir einen Zwergameisenbär, den kleinsten Vertreter dieser Art, eingekugelt auf einem Ast. Die tobenden Affen gleich daneben scheinen ihm völlig schnuppe.

Absolute Ruhe erbittet sich Lenin schließlich vor einer Heliconia-Pflanze. Einer nach dem anderen darf einen Blick unter das große Blatt werfen - und erblickt sechs winzige weiße Fledermäuse. In Costa Rica gibt es 120 verschiedene Fledermausarten, diese hier ist eine absolute Rarität. Weil die putzigen Tierchen genau unter der gebogenen Blattmitte hängen, werden sie auch Zelt-Fledermäuse genannt.

Und auch in der Pflanzenwelt gibt es wundersame Vertreter. Eine schöne rote Blüte präsentiert uns Lenin als "Shampoo-Ingwer"; in Hawaii werde daraus tatsächlich ein Haarwaschmittel produziert. Indianer schätzten dagegen einst die Früchte der Bulceraceae - auch Kerosin-Baum genannt. Sein Öl eignet sich hervorragend als Feueranzünder, wie unser Guide sogleich beweist.

Das volle Kontrastprogramm bekommen wir am Nachmittag in San Jose geboten. Die Hauptstadt von Costa Rica ist noch lauter als der Dschungel. Der Rundgang durchs Zentrum fällt knapp aus. Gemüsemarkt, Post, Nationaltheater - und dann zum Hotel.

Es ist unser letzter Tag, morgen früh geht es wieder nach Hause. Hoffentlich ist es dort inzwischen auch etwas wärmer.

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